Antworten von Prof. Boris Hadaschik, Direktor der Klinik für Urologie der Universitätsmedizin Essen

PROTEUS-Studie
Interview für Intranet UME| 11.06.2026
Prof. Hadaschik, auf der Jahrestagung der amerikanischen Fachgesellschaft für klinische Onkologie (ASCO) wurden die Ergebnisse der PROTEUS-Studie präsentiert. Sie gehören zum Kreis der Autoren. Worum geht es bei der Studie?
Es handelt sich dabei um die weltweit größte Phase-III-Studie zur Behandlung von Patienten mit lokal begrenztem Hochrisiko-Prostatakrebs. Bei dieser Form des Prostatakarzinoms wird bis jetzt entweder alleinig die gesamte Prostata operativ entfernt oder es erfolgt eine Strahlentherapie kombiniert mit einer Hormontherapie. Die PROTEUS-Studie geht der Frage nach, ob eine begleitende Kombinations-Hormontherapie, die vor und nach einer Operation verabreicht wird, die Krebskontrolle durch eine Operation weiter verbessern kann.
Weltweit nahmen mehr als 2.000 Patienten an der Studie teil. Die Ergebnisse wurden im renommierten New England Journal of Medicine veröffentlicht. Das ist für Studien zum Prostatakarzinom eine Seltenheit und zeigt, wie bedeutsam die Ergebnisse sind. Für Deutschland war das NCT West als einzige deutsche Forschungseinrichtung in der Steuergruppe der Studie vertreten, also genauer gesagt, die Direktoren der Kliniken für Urologie des Westdeutschen Tumorzentrums (WTZ) Essen im Verbund mit dem Centrum für Integrierte Onkologie (CIO) Köln.
Was sind die zentralen Erkenntnisse?
Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass die Gabe von Apalutamid in Kombination mit der klassischen Androgendeprivationstherapie (ADT) sechs Monate vor und nach der Operation die Bildung von Metastasen verringert. Apalutamid ist ein Medikament, das den Rezeptor für das männliche Geschlechtshormon blockiert. Bei der klassischen Hormontherapie (ADT) produziert der Körper nur weniger männliche Hormone.
Neu ist die Kombination aus Operation und dieser kombinierten Systemtherapie. Sie verringert das Risiko für Metastasen und Tod um 20 Prozent. Eine Folgetherapie konnte durch den intensivierten auf 12 Monate begrenzten Therapiearm zudem um bis zu drei Jahre hinausgezögert werden. Das ist für Betroffene eine sehr gute Nachricht.
Was bedeutet das im Hinblick auf die Behandlung in Zukunft?
Ich glaube, dass die Ergebnisse der PROTEUS-Studie mittelfristig zu einer Zulassung in dieser Indikation führen, so dass wir unseren Patienten diese Therapie anbieten können. Die Studie schafft darüber hinaus nun einen neuen Standard für weitere Studien zur Individualisierung der Therapie. Trotz verbesserter Ergebnisse kommt es bei einem Teil der Patienten mit aggressiven Formen des Prostatakarzinoms weiterhin zu Rückfällen. Hier müssen wir weitere Forschung betreiben. Aber wir können die Erkrankung insgesamt gut kontrollieren. Nach einer Operation haben Betroffene eine exzellente langfristige Prognose: Mehr als drei Viertel der Patienten leben fünf Jahre nach der Diagnose weiterhin metastasenfrei. Für Betroffene ist die gute Nachricht, dass wir wertvolle Zeit gewinnen, auch um mit Ruhe und Bedacht zu entscheiden, was nach einer Operation passieren soll. Denn das ist bei schweren Krebserkrankungen wie dieser immer eine wichtige Frage.
Wie geht es nun weiter?
Es müssen wissenschaftlich noch viele Fragen geklärt werden. So geben Strahlentherapeuten zu bedenken, dass in einem Teil der PROTEUS-Studie die Ergebnisse aus hochmodernen bildgebenden Verfahren berücksichtigt wurden, die es so früher gar nicht gab. Das macht den Vergleich zu früheren Studienergebnissen schwierig. Und es gab keine Vergleichsgruppe, die nur operiert wurde. Eine entsprechende Studie hierzu wurde ebenfalls unter deutscher Beteiligung durchgeführt und die Ergebnisse werden im kommenden Jahr erwartet.
Die soeben vorgestellten Ergebnisse haben zweifelsohne das Potenzial, die Leitlinie zur Behandlung dieser Art des Prostatakarzinoms maßgeblich zu beeinflussen und das bisherige Behandlungsschema zu verändern.

Prof. Boris Hadaschik
Foto: Universitätsmedizin Essen
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